
Zug der Erinnerung
Ein Projekt deutscher Bürgerinitiativen
In Kooperation mit:
Mit wiederkehrenden Bitten um Rat und Recherchen wenden sich Angehörige an den "Zug der Erinnerung", weil sie die Tätergeschichte ihrer Familien aufhellen wollen. "Mein Großvater war wahrscheinlich bei der Reichsbahn in Lublin", heißt es in einem der stets ähnlichen Schreiben. "Ich befürchte, daß er von den Transporten nach Auschwitz wusste oder sogar beteiligt war. Wie können wir mehr erfahren?" In Telefonaten offenbarte eine ältere Besucherin des Zuges, dass sie auf den Ausstellungsexponaten ein nahes Familienmitglied erkannt hätte. Der Täter zeichnete Massendeportationen nach Treblinka ab - und wird von Verwandten bis heute für untadelig gehalten. In einer anderen Nachricht heißt es: "Mein Onkel bediente die Schranke eines Bahnübergangs in" (einer norddeutschen Kleinstadt). "Dort fuhren ab 42 offene Güterwagen mit tausenden (sowjetischen) Kriegsgefangenen vorbei. Sie schrieen um Wasser und Brot. Ich weiß heute, daß diese Menschen in der Heide ermordet wurden. Hätte man einschreiten können?"

Vielleicht. Wir wissen es nicht. Der "Zug der Erinnerung", eine Bürgerinitiative, gibt Hinweise und ist dankbar für das Vertrauen, das aus diesen Anfragen spricht. Aber wir sind außerstande, das Schweigen aufzulösen, das uns, die Nachfahren, seit der Befreiung von Auschwitz zu Geiseln der Täter macht.
Weil über unseren Familiengeschichten der Kriegszeit ein Schleier des Ungefähren, der Halbwahrheiten und Lügen liegt, verfolgt uns die Ahnung, Massenverbrechen könnten Teil unseres individuellen Erbes sein. Diese unerträgliche Vorstellung ließ Millionen Deutsche nach der Befreiung von Auschwitz zu vermeintlichen Opfern und Helden werden. "Ich weiß, daß Sie eine jüdische Großmutter haben und Ihr Onkel im Widerstand war", stand 1945 an der Tür eines US-Büros, in dem NS-Verdächtige verhört wurden. Ob Mörder oder Helfershelfer: Mit stereotypen Schutzbehauptungen versuchten sie ihre Beteiligung zu leugnen. Diese Verwandlung hält bis heute an. Nur sehr wenige der Tätererben haben sich zu ihrer Familiengeschichte bekannt (Die Last des Schweigens. Gespräche mit Kindern von NS-Tätern, 2003), wenige andere sind auf der Suche - so wie die Absender der Anfragen an den "Zug der Erinnerung". Sie sind bereit, die Scham zu ertragen, die von den befürchteten Tatsachen ausgehen kann.
Für die übergroße Mehrheit bleibt Auschwitz abstrakt. Auch 65 Jahre nach der Befreiung gehört das Beschweigen zum Alltag. Diesen individuellen Umgang überhöht das politische Deutschland mit Allgemeinplätzen ("Verantwortung") und Funktionalisierungen ("Israel"). Die jungen Generationen werden damit nicht erreicht. Eine tatsächliche, konkrete Auseinandersetzung mit dem familiären Erbe und den kollektiven Apparaten, in denen die Menschen zu Tätern wurden, findet nicht statt. Die Kontroversen um die "Deutsche Reichsbahn" und den "Zug der Erinnerung" sind dafür ein Beispiel (Appelle). Ohne zu wissen, welche wirklichen Ereignisse sie mit den Opfern verbinden, folgen die Nachwachsenden dem Verleugnen oder müssen ein unbestimmtes Schuldgefühl ertragen. Sie sind unfrei und Geiseln der Täter, deren wirkliche Schuld weiter verdeckt wird.
Ein Menschenleben nach der Befreiung von Auschwitz versucht der "Zug der Erinnerung" eine andere Richtung einzuschlagen. Die Kräfte der Bürgerinitiative sind bescheiden, ihr Einfluss ist begrenzt. Aber die Anfragen, die uns erreichen, und der Zuspruch auf den deutschen Bahnhöfen machen Mut.