
Zug der Erinnerung
Ein Projekt deutscher Bürgerinitiativen
In Kooperation mit:

Nach dem Ende der Winterpause setzt der "Zug der Erinnerung" seine Fahrt fort. Neue Stationen sind mehrere Bahnhöfe in den Bundesländern Brandenburg und Berlin. In die Bundeshauptstadt wird die mobile Gedenkstätte am 8. Mai einlaufen, dem 65. Jahrestag der Befreiung. Zuvor steht die fahrende Ausstellung über die NS-Deportationen mit der "Reichsbahn" den Besuchern in der deutsch-polnischen Grenzregion zur Verfügung. Hier hatte der Zug im Dezember 2009 seine Fahrt unterbrochen und den ursprünglich vorgesehenen Aufenthalt in Eisenhüttenstadt (vormals: Fürstenberg/Oder) verschoben. Grund der Absage waren inhaltliche und organisatorische Probleme, die eine angemessene Ehrung der deportierten Kinder und Jugendlichen unmöglich machten (Verhöhnung der Opfer). Dieser Aufenthalt wird jetzt nachgeholt. Anschließend folgt der "Zug der Erinnerung" einer Einladung aus Polen und soll sich mehrere Tage auf der anderen Oderseite aufhalten. Polen feiert am 3. Mai seinen Verfassungstag. Am 4. Mai erwartet Frankfurt/Oder die mobile Gedenkstätte. Lokaler Kooperationspartner ist der zivilgesellschaftliche Verein "Utopia e.V." (Fahrplan).
Mit Ankunft in Berlin am 8. Mai wird der "Zug der Erinnerung" die Überlebenden der "Reichsbahn"-Deportationen ehren. 65 Jahre nach Kriegsende sind die moralischen und materiellen Verpflichtungen der Unternehmens-Erben noch immer nicht abgegolten (Gutachten).
Über 100 Teilnehmer aus fast sämtlichen Regionen der Bundesrepublik haben sich für die diesjährige Gedenkstättenfahrt zum Museum Auschwitz (Oświęcim/Polen) angemeldet. In der Mehrzahl sind es Jugendliche, die den "Zug der Erinnerung" auf seinen bisherigen Haltestationen besonders engagiert empfingen. Sie erarbeiteten Biographien der in ihrer Nachbarschaft deportierten Kinder und brachten diese Exponate in die mobile Ausstellung ein oder zeichneten sich durch Aktivitäten gegen Rassismus und Rechtsradikalismus aus. Um die Teilnehmer auf den Aufenthalt in dem früheren deutschen Vernichtungslager vorzubereiten, finden gegenwärtig Regionaltreffen statt, die der "Zug der Erinnerung" und seine pädagogischen Mitarbeiter besuchen.

Das Reiseprogramm beginnt Mitte April in der Bundeshauptstadt, dem früheren Zentrum der Deportationsbehörden und ihrer Schreibtischtäter. Ohne die Berliner Zentralen der SS ("Reichssicherheitshauptamt"), der "Deutschen Reichsbahn" und des Auswärtigen Amtes ist das Funktionieren der bürokratischen Vernichtungsapparate nicht zu verstehen. Das an Verbrechen unübertroffene Regime in Auschwitz wäre unmöglich gewesen, hätten die Täter lediglich auf eigene Faust gehandelt. Ihre Massenmorde fanden in einem hierarchischen System von Befehl und Gehorsam statt, das Voraussetzung individueller Entmenschlichung ist.
Zu diesem System gehörte auch die Indienststellung zehntausender Deportierter für Zwecke der deutschen Kriegsindustrie. Das regionale Zentrum der industriellen Ausbeutung war Auschwitz-Monowitz, ein auch für heutige Verhältnisse riesiger Fabrikkomplex, in dem Nachschub für die Front hergestellt wurde, vor allem durch den Chemiekonzern IG Farben (Maschinerie der Vernichtung). Im direkten Umfeld des IG-Farben-Geländes befanden sich in Auschwitz-Monowitz unzählige kleinere Zuliefererbetriebe, deren Arbeitskräfte die SS aus dem Stammlager zuführte. Diese Personalquelle schien unendlich groß: Aus jedem neuen Transport der verschleppten Juden oder Sinti, den die "Reichsbahn" aus ganz Europa ankarrte, filterten die NS-Spezialisten überlebensfähige Gefangene für ein kurzes Dasein als Arbeitssklaven. Alle anderen wurden ermordet. Dieser Zusammenhang zwischen rassistischen Motiven und ökonomischen Interessen wird in Auschwitz nicht immer offenbar - zu ungeheuer ist der Eindruck, den die eigentlichen Mordstätten hinterlassen.

In den kommenden Wochen jährt sich die Befreiung mehrerer deutscher Konzentrations- und Zwangslager. Unter den Überlebenden waren auch Kinder und Jugendliche. Das Foto zeigt den dreijährigen Stefan Jerzy Zweig, einen polnischen Gefangenen im KZ Buchenwald, der nach dem 11. April 1945 von der UN-Flüchtlingsorganisation U.N.R.R.A. betreut wurde. Während seiner KZ-Zeit stand Stefan Jerzy Zweig unter dem Schutz der politischen Mithäftlinge Robert Siewert und Willi Bleicher (später Bezirksleiter der IG Metall in Baden-Württemberg). Stefan Jerzy Zweig lebt heute in Wien.